Online-Predigt Corona und „Das Erdbeben in Chili“

Liebe Online-Gemeinde,

Solidarität in der Sondersituation

die Krise hat ja nicht nur Nachteile, sondern es gibt auch Positives zu bemerken. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute im Moment aufmerksamer sind bezüglich den Nöten anderer, und hilfsbereiter.

Neulich habe ich ein paar Sachen eingekauft, und auf dem Weg nach Hause ist mir die Papiertüte gerissen. Sofort kamen zwei Jugendliche und halfen mir einsammeln, und da ich ja jetzt keine Tüte mehr hatte, machten sie eine von ihren Einkaufstüten frei und packten mir meine Sachen in diese, bevor sie zu ihrer Bahn liefen, die sie gerade noch erreichten.

Schön, das zu erleben! Naja, mag sein es würde immer jemand helfen, aber ich habe es jedenfalls besonders dankbar wahrgenommen.

Und ja, die Krise verändert was. Überall entstehen solidarische Initiativen. Nachbarn bieten ihre Hilfe an und kaufen für die Älteren ein, viele fragen nach, viele nähen Masken, und für unsere Lebensmittelverteilung haben sich so viele Freiwillige gefunden wie nie – natürlich weil viele im Moment mehr Zeit haben, aber auch weil das Bewusstsein da ist, dass Hilfe gebraucht wird.

Hoffnung auf Veränderungen durch Corona – dass Solidarität bleibt

Immer mal wieder hört man in diesen Tagen von der Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen durch das Covid-19-Virus. Dass die Menschen ja jetzt merken, dass Solidarität wichtig ist, und dass es schön und wichtig wäre, wenn diese Stimmung über die Krise hinaus bleiben würde. Unter anderem der Bundespräsident hat diese Hoffnung in seiner Ansprache vor Ostern zum Ausdruck gebracht.

Ich teile diese Hoffnung. Wir brauchen mehr Solidarität. Natürlich mit allen! Da gibt es eine Petition, #Leavenoonebehind, lasst niemand zurück, die sehr viele Unterstützer gefunden hat: Retten wir nicht nur die Firmen, nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die nicht Arbeitenden und auch die Geflüchteten in großen Lagern – denken wir an alle.

Ich teile diese Hoffnung – und gleichzeitig erinnert mich diese besondere Stimmung an eine Geschichte über eine Katastrophensituation, die Erzählung „Das Erdbeben von Chili“ von Heinrich von Kleist.

Das Erdbeben in Chili

Er erzählt von einem Liebespaar gegen alle Konventionen um 1800 in Santiago de Chile. Sie, Josephe, wird unverheiratet schwanger, wird im Kloster eingesperrt und soll hingerichtet werden, er, Jerome, kommt ins Gefängnis und will sich erhängen.

Dann gibt es aber ein Erdbeben, Jerome kommt frei, sucht sie und findet die Geliebte in einem lieblichen Tal außerhalb der Stadt, mit dem Kind, das sie inzwischen geboren hat. Eine Familie, die auch dorthin geflohen ist, lädt die drei am Morgen zum Frühstück ein. Alle Standesunterschiede sind verschwunden, es ist paradiesisch dort draußen. In dieser Stimmung entschließen die beiden, beim Vizekönig ein Gnadengesuch einzureichen.

Alle gehen in die Stadt zurück, wo ein Dankgottesdienst gefeiert werden soll. Der Prediger deutet das Erdbeben als Strafe Gottes für die Sittenverderbnis in der Stadt, und benennt Josephe und Jerome als die Schuldigen. Ein Mob lyncht die beiden. Ein befreundetes Paar, dessen Kind auch getötet wird, nimmt den Sohn von Josephe und Jerome als Ziehsohn an.

Eine Unterbrechung für kurze Zeit

Nun – mit der Katastrophe fallen nicht nur die Häuser, sondern auch die Standesunterschiede und manche starre Regeln. Aber nur für kurze Zeit, danach ist alles wie immer und noch schlimmer.

Also keine Hoffnung in Sicht? Nur ein kurzes Aufblitzen des Paradieses, draußen im Tal, und alles bleibt beim Alten?

Das ist die realistische Sichtweise des Heinrich von Kleist. Auch eine französische Revolution bringt doch keinen echten Wandel.

Wie wird es also mit Corona sein, und mit der Solidarität, die sich in der Katastrophe zeigt?

Nur ein kurzes Aufblitzen, und dann alles noch viel schlimmer?

Ein solches Aufblitzen und ein enttäuschender Ausgang sind eine Grunderfahrung des Christentums: Jesus kommt, und plötzlich manches anders. Menschen wird geholfen, Unterschiede relativieren sich, Gemeinschaft entsteht: Speisung der 5000 draußen in der Natur wie das Frühstück im lieblichen Tal. Aber das bleibt nicht, Jesus wird gekreuzigt, die Jünger sind verzweifelt.

Hoffnung auf mehr

Aber dann kam eine überraschende Wende, für die es keine wirkliche Erklärung gibt: Die Jünger erleben Auferstehung, sie spüren, dass Jesus lebt, dass das alles, was sie mit ihm erlebt haben, nicht eine kurze Episode war, sondern von Dauer. Dass diese Gemeinschaft und diese Liebe nicht einfach wieder aufhören.

Seitdem ist dieser Glaube in der Welt: Dass die Liebe stärker ist als der Tod. Das ist es, was zählt, auch wenn weiter Menschen sterben, und auch wenn es weiter Grausamkeiten, Gewalt und Ungerechtigkeit in der Welt gibt.

Das Leiden ist nicht Strafe Gottes – Gott leidet mit uns, wie Jesus gelitten hat. Und schenkt das Licht der Auferstehung.

Machen wir uns nichts vor. Es wird nicht leicht gehen. Daran erinnert uns Heinrich von Kleist. Aber wir wissen auch: Diese Solidarität blitzt nicht nur mal kurz auf, sondern zieht sich auch durch und entwickelt Kraft. Seit Adam und Eva, seit Maria und Josef und Jesus, und überall dort, wo Menschen aneinander denken und sich füreinander einsetzen.

Amen.

Was ist deine Powerbank?

Online-Predigt von Claudia Barth zum Sonntag Quasimodogeniti 19.4.2020

Die Predigt wurde gehalten in unserem Gottesdienst, den wir als Videokonferenz zusammen gefeiert haben.

I „Mein Akku ist alle!“

„Oh nein!“ Lautstark ärgert sich unsere jüngste Tochter. „Mein Akku ist alle!“ Trotz dieser relativ eindeutigen Grammatik ist allen drumherum klar, dass sie nicht von sich selber spricht. Es geht um ihr Smartphone. Und da sie jeden Moment den  Videoanruf ihres Freundes erwartet, ist jetzt Hektik angesagt. Einfach so den Stecker in die Steckdose ist viel zu unpraktisch, da das Kabel zu kurz ist. Wo ist also die Powerbank? So eine mobile Energiestation ist ganz schön hilfreich, wenn mal Not am Mann bzw. hier an der Frau ist 😊. Ein Aufladegerät – nüchtern deutsch hört es sich nicht halb so gut an. Aber eine „Powerbank“ – da ist sofort klar: hier ist neue Kraft, hier gibt es neue Energie für die wichtigen Momente des Alltags.

Und wir kennen das ja auch persönlich so: es gibt diese Momente, in denen urplötzlich alle Kraft weg ist, von Lust und Antrieb/Elan ganz zu schweigen. Aber eigentlich sollte diese Sache fertig sein oder jenes Projekt wenigstens noch auf den Weg gebracht sein. Mit der körperlichen Kraft schwindet auch die seelische – oder ist es doch umgekehrt? Jedenfalls sinkt mein Mut, meine Zuversicht schwindet dahin, Frust macht sich breit. Das es mal anders wird, ist schwer vorstellbar. Und einfach irgendwo den Stecker reinstecken zum Auftanken, geht ja bei uns nicht. Aber etwas Übung hat ja jede und jeder von uns in solchen Situationen: wir wissen, was jetzt nötig ist und gut tut: ich persönlich brauche was zum Lesen, zum Abtauchen, am besten mit einem Tee neben mir. Oder einen Spaziergang, einen Pilgerweg, zum Wahrnehmen, was Wunderbares um mich herum ist. Das ist meine persönliche Powerbank.

Was ist Ihre?

II Exil brauche einen Exit!

Manchmal ist die Erschöpfung aber lang anhaltend. Und es scheint keine funktionierende Powerbank mehr zu geben. Selbst die Powerbank fällt aus. So auf dem Trockenen, so vom Wichtigen, vom Leben abgeschnitten fühlten sich damals die Israeliten als sie im Exil in Babylon ausharren mussten. Sehr gerne hätten sie Exil gegen Exit getauscht! War aber nicht. Eine Rückkehr nach Israel, in das alte Leben, war sehr unwahrscheinlich. Dann war da aber doch diese Stimme. Der Prophet Jesaja verschafft sich Gehör mit einer erstaunlichen Botschaft (Jesaja 40):

„26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Ich stelle mir vor: da haben viele Zuhörerinnen tief durchgeatmet. Und gedacht: Ja, das ist die Kraft, die ich brauche. Da ist das Leben, das mir schon zu entgleiten drohte.

Im Moment stecken wir ja alle in so einer Luftanhalte- Situation. Und eine ganze Weile geht das auch.  Aber, naja, irgendwann ist „die Luft raus“. Platt wie eine Flunder ist man dann, erschöpft auf der ganzen Linie – obwohl es ja gerade viele Freiräume gibt. Aber Corana und Co. kostet Kraft. Trotz Frühling und Sonne und Wärme – ich bin erschöpft. Die Worte des Jes lassen mich Atem holen, zu Atem kommen. Sie erleichtern mich. Und trösten. Und ich ahne: da ist eine Powerbank, die funktioniert, die mir Leben gibt.

III Gott ist unsere Powerbank

Denn dieser Schöpfergott, dem sogar die Sterne gehorchen (eine Breitseite gegen die Astralgottheiten der Babylonier!), der ist nicht müde und matt. Er schläft auch nicht (womöglich noch so eine Breitseite).

Er ist ewig. Und er hat Kraft, die er weitergibt. Er ist ein Kraftgeber, eine Powerbank und ein Ohnmächtigen- Stärker. Er gibt Körper und Geist wieder neue Energie. Neue Kraft ist da, aber auch neue Zuversicht. Es macht sich Hoffnung breit. Damals war es körperliche Kraft für die Israeliten (wie mit zusätzlichen Adlerschwingen), aber vor allem eine neue Macht der eigentlich Ohnmächtigen. Die Hoffnung war zurück. Die Hoffnung auf Leben.

Coronakrise ist kein Exil – auch wenn es sich manchmal so anfühlt mit all den neuen Regeln. Aber Coronakrise … kann so ermüdend und anstrengend sein wie eine Exilserfahrung. Eben weil wir ganz anders leben müssen, weil uns Vertrautes und vertraute Menschen fehlen. Und so kommt mir Gott unvermutet sehr nahe in diesen Worten des Jes. Adlerflügel und Zuversicht lassen mich anders auf das blicken, was kommt. Ich habe wieder Mut zum Durchhalten und neue Kraft zum Dranbleiben – mit Kontaktbeschränkungen zum Schutz anderer, zum Maskentragen in der Öffentlichkeit. Das macht Sinn, weil wir es zusammen tun, und so eine viel größere Chance haben, das Virus längerfristig einzudämmen.

Und außerdem: Vieles was wir jetzt miteinander erfahren, ist gut und wert, dass wir es bewahren: Solidarität, der Blick auf den anderen, Zusammenarbeit, die Telefonate und Videochats, die guten Wünschen/Segen unter emails und Nachrichten, Gottesdienste to go und die Verbundenheit im Gebet,  …

Tatsächlich verleiht mir dieses Bibelwort Flügel, tröstet und ermutigt mich.

Gott ist meine Powerbank! Bei ihm tanke ich auf. Gewinne neue Kraft und Zuversicht fürs Leben. Er ist der Lebens-bringer. 

Das ist meine Osterbotschaft!

Was verbindest du mit der Powerbank Gott?

Wo ist Gott in der Corona-Krise? – Karfreitagsgedanken

Wo ist Gott in der Corona-Krise? So viel Leiden – und Gott?

Manche sagen: Jetzt straft Gott die Menschheit. Andere wollen den Teufel austreiben. Andere sagen: Gott wird uns auch nicht helfen. Wo ist Gott?

An Karfreitag sehen wir, wie Jesus am Kreuz stirbt. Und denken an all das Leid in der Welt. Die Jüngerinnen und Jünger fragen sich auch: Was geschieht denn jetzt? Wieso tut Gott denn nichts? Ihr Weltbild bricht zusammen.

Aber dann erleben sie, dass Jesus nicht einfach weg ist. Sein Geist lebt – er selbst lebt! Er lebt in ihnen. Sie merken: Das was sie mit Jesus und untereinander verbindet ist stärker als der Tod.

Und damit hat sich für sie etwas verändert: Sie sehen jetzt Jesus nicht mehr als den Gescheiterten, sondern wirklich als den, in dem Gott ihnen nah gekommen ist – als Sohn Gottes, sie können es nicht mehr anders sagen, obwohl das eigentlich nicht „political correct“ ist, das kann man eigentlich nicht so sagen. Aber sie können nicht anders.

Damit verändert sich aber noch mehr. Damit ist sozusagen Gott selbst am Kreuz gestorben. Was das bedeutet, hat die Christenheit noch länger beschäftigt, und ich denke, es bleibt ein Rätsel.

Aber ich sehe das als Chance und als Stärke. Gott ist nicht nur der Gott aben im Himmel, der mächtige, der Herr der Geschichte. Sondern Gott ist auch mitten im Leiden. Und auch in den Menschen, die lieben und mitleiden und versuchen, leiden zu verhindern oder wenigstens zu lindern.

Die Rede von der Dreieinigkeit Gottes ist ein Versuch, dieser Komplexität gerecht zu werden. Gott ist vielfältig, mindestens dreifältig, und trotzdem einer.

Wo ist Gott in der Corona-Krise?

Gründonnerstag – Nacht der verlöschenden Lichter

Eine Andacht von Claudia Barth und anderen. Die Nacht der verlöschenden Lichter – das ist eine alte liturgische Form. Dietrich Bonhoeffer, dessen Tod sich in diesem Jahr zum 75. mal jährt, hat die Nacht der verlöschenden Lichter in Rom miterlebt. Es kann gut sein, dass er später immer mal daran zurückgedacht hat.

Karfreitag sind die Erlöserkirche und die Neue Brüderkirche um 15-17 Uhr geöffnet – zur Todesstunde Jesu. Wer möchte, kann eine Kerze anzünden und für sich und andere eine Andacht mit nach Hause nehmen. Am Ostermorgen sind beide Kirchen von 10-12 Uhr geöffnet.

Online-Predigt Palmsonntag

Palmsonntag, 05.4.2020   PREDIGT zu Mk 14,3-9 – von Pfarrerin Claudia Barth

I Jesus zieht in Jerusalem ein

Die Bilder kennen wir alle: wenn nicht aus der biblischen Erzählung, dann von anderen Heilsbringern, die mannigfaltig auftreten und sich gerne feiern lassen. Alle jubeln dem Einen zu, während er in die Stadt einzieht. Für manche Zeitgenossen damals war auch Jesus nur einer dieser Vielen, die zumindest in den Augen der Römer nur Unruhe in die Stadt brachten. Und so kurz vor dem Fest können sie so einen schon gar nicht brauchen: Zu Pessach ist die Stadt so voll mit Pilgern, dass religiöse Sonderwege am besten gleich unterbunden werden. Für andere ist Jesus aber viel mehr. Sie sehen in ihm den versprochenen Heilsbringer, den Messias. Seine Worte und sein Handeln haben sie überzeugt, dass er das Reich Gottes hier auf der Erde begründen wird. Voller Erwartung begleiten sie seinen Weg. Sie erleben den triumphalen Einzug in Jerusalem mit, sehen die Begeisterung der Menge und hoffen darauf, dass Jesus nun seine Macht als Sohn Gottes zeigen wird. Alles lässt sich wunderbar an. Die Anhänger von Jesus sind überzeugt, dass zu diesem Passahfest alles anders werden wird. Denn Jesus ist in Jerusalem eingezogen. Jetzt wird sein Reich Formen annehmen. 

II Der Messias kommt – anders

„Lea! Shalom – da bist du ja endlich.“

„Miriam, wie gut, dich zu sehen! Ich muss dir unbedingt etwas erzählen.“

„Hast du ihn schon gesehen, Lea?“

„Du meinst Jesus? Ja, beim Einzug hier in Jerusalem, bei diesem unglaublichen Gedränge.“

„Ich bin so froh, Lea. Jetzt wird endlich alles anders! Wenn Jesus hier ist, dann sind wir die Römer bald los. ER wird alles anders machen.“

„Das glaube ich auch, Miriam. Aber mir ist trotzdem unwohl. Dieses Hosianna- Geschrei war mir etwas unheimlich. Die meisten Leute kennen Jesus doch gar nicht. Die sind einfach nur mitgelaufen.“

„Aber sie haben von ihm gehört! Es wird ja auch überall erzählt, dass er Lazarus auferweckt hat. Und die vielen Menschen am See satt gemacht hat. Und …“

„Ja, Miriam, das weiß ich doch alles. Aber ich frage mich, ob Jesus diese ganzen Erwartungen überhaupt erfüllen will. Z.b. die Römer vertreiben oder selber König werden. Ich habe das Gefühl, dass es ihm um was ganz anderes geht.“

„Lea, du hast es doch auch gehört und geglaubt: Jesus ist Gottes Sohn. Er ist der Gesalbte, unser Retter. Und bestimmt wird er alles tun, damit wir wieder in Frieden und Gerechtigkeit leben können. Und eben ohne die Römer. Deshalb ist er hierher nach Jerusalem gekommen. Das ist sein Weg.“

„Oh Miriam, ich wünschte, ich könnte auch so reden. Aber ich fürchte, Jesu Weg wird anders weitergehen als wir denken. Es ist gefährlich hier in Jerusalem. Die Römer sind nicht gerade zimperlich, wenn sie ihre gesellschaftliche Ruhe gefährdet sehen. Gerade jetzt zum Fest dulden die bestimmt keinen, der so einen Auflauf wie vor ein paar Tagen hervorruft. Und dann habe ich jetzt von dieser Begegnung in Betanien gehört. Das hat mich nochmal beunruhigt.“

„Was ist dort geschehen? Jesus war bestimmt heute dort.“

„Ja, gestern und heute wohl auch. Er war bei Simon dem Aussätzigen eingeladen. Und stell dir vor, da kam eine Frau – ich glaube aus Magdala -, die hatte ein kostbares Öl dabei. Und sie hat Jesus damit gesalbt als er dort bei Tisch lag. Mit dem ganzen Öl!“

„Ach du meine Güte! Das war bestimmt ein Vermögen, das sie da über ihn gegossen hat! Und Jesus? Wie hat er reagiert?“

„Jesus hat sie verteidigt! Tatsächlich haben sich die anderen Gäste mehr aufgeregt als er. Von wegen, das Öl hätte man doch verkaufen können und das Geld an Arme spenden und so. Sie haben die Frau wohl sehr beschimpft. Jesus hat die Frau beruhigt. Für ihn wäre es wie eine vorgezogene Salbung zu seinem Begräbnis. Und sie sollten sich mal nicht so aufregen; die Frau hätte ein gutes Werk an ihm getan. Andere haben erzählt, sie hätte sogar mit ihren Tränen seine Füße benetzt und mit ihren Haaren getrocknet!“

„Das wäre wirklich sehr mutig von ihr!“

„Jesus hat den schimpfenden Männern vorgehalten, dass die Frau mit mehr Liebe an ihm gehandelt hat als sie. Er hat es als Liebesdienst aufgefasst. Aber ich verstehe sein Wort von der Salbung zum Begräbnis nicht. Warum sagt er sowas?“

„Das hätte ich auch nicht erwartet. Du hast recht, Lea. So redet keiner, der in Kürze die Macht übernimmt und alles neu machen will. Und du bist sicher, dass Jesus das so gesagt hat?“

„Ja, ganz sicher. Er soll sogar noch gesagt haben: ´Den Armen könnt ihr jederzeit helfen, wenn ihr wollt. Aber Ich bin nicht immer bei euch.` Deshalb bin ich so unruhig.“

„Das hört sich fast wie eine Warnung an: Jetzt könnt ihr mir noch Gutes tun wie diese Frau. Aber bald geht das nicht mehr. Vielleicht müssen wir wirklich genauer hinschauen, Lea. Vielleicht ist der Weg, den er gehen will, ganz anders als wir dachten.“   Aber was sollten wir ohne ihn tun?

„Und vielleicht braucht Jesus mehr Menschen wie diese Frau. Die ihn mit Liebe auf seinem Weg begleiten. Und auch da sind, wenn dieser Weg anders als erwartet weitergeht.“

„Lea, Miriam! Kommt mit, ihr zwei! Jesus ist im Tempel und da soll große Aufregung sein …“

III Jesus kommt – kommen wir zu ihm?

Jesus ist seinen Weg gegangen. In Jüdäa und vor allem in Galiläa, am See Genezareth, hat er gewirkt. Geheilt, gepredigt, ermutigt. Jesus geht den Weg, den er vor sich liegen sieht. Trotz Ängsten macht er sich auf nach Jerusalem. Er ahnt, dass es ein Weg des Leidens werden wird. Immer wieder deutet er seinen Jüngern das an. Aber sie, die sie ihm so nah sind, sehen und verstehen nicht.

Die Frau in Betanien, die erkennt mehr. Sie sieht den Menschen Jesus auf seinem Weg. Und nimmt seine menschlichen Fragen und Ängste wahr. Im Lukasvangelium wird erzählt, dass die Frau weint. Sie spürt seine Not. Er leidet an dieser Welt, von der er ahnt, dass er auch durch sie leiden wird. Die Frau ist nach den Passionsgeschichten eine der ersten an seiner Seite, als er in Jerusalem ist. Sie geht seinen Weg des Leidens mit. Sie ist bereit, sich einzulassen auf diesen ungewissen Weg Jesu. Und vielleicht weint sie auch, weil sie schon die Trauer über den Verlust Jesu spürt. Er wird nicht so bleiben, wie sie ihn kannten.

Die Frau mit dem Öl handelt aus Liebe. Sie lässt sich anrühren von der Menschlichkeit Jesu. Seine Unsicherheit bringt sie dazu, menschlich zu handeln. Seine Kraftlosigkeit berührt und bewegt letztlich Menschen auf der Via Dolorosa menschlich zu handeln: die Frauen, die mit ihm weinen und ihm den Schweiß abwischen, Simon von Kyrene, der ihm das Kreuz trägt, die Frauen unter dem Kreuz, die bleiben. 

Die Frau mit dem Öl hat etwas verstanden von der Menschlichkeit Gottes. Viele Jünger taten und tun sich schwer damit, weil sie nur auf die Macht schauen, die was verändern soll. Aber im Weg Jesu scheint etwas anderes auf: die Ohnmacht verändert auch. In der Ohnmacht Jesu stellen sich Menschen an seine Seite, gehen mit, handeln menschlich. Handeln aus Liebe.

Diesen Gedanken will ich mit in die Karwoche nehmen. Der menschliche Gott, der ohnmächtig der Welt ausgeliefert ist, ist gleichzeitig mein Gott, der mich zum Menschen macht. Indem ich wie die Frau mit dem Öl aus Liebe am Menschen handele, erfahre ich die Gegenwart Gottes. Der Blick auf Jesu Leiden verwandelt mich – und erstaunt entdecke ich, dass Neues aufwächst. Gottes Reich wächst schon mitten unter uns, sein Reich der Liebe.

Seine Gegenwart begleite uns in diesen Tagen.

Amen.

Salbung

Mut zum Leben(smittelverteilen)

„Hallo, was brauchen Sie?“ – „Vielleicht ein Brot?“ – Haben wir gerade nicht, aber Brötchen. Diese hier?“ – „O.K.. Und Obst?“ – „Ja, so ’ne Tüte mit Äpfeln und Mandarinen?“ – „Ja, gerne! Schön, dass ihr das macht!“ – „Danke für die Ermutigung! Und bleiben sie gesund!“

Die Stimmung ist sehr positiv bei der Lebensmittelverteilung an der Neuen Brüderkirche (Weserstraße 26), die jetzt jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag um 16-18 Uhr stattfindet. Viele freuen sich, dass sie hier noch etwas kostenloses Essen bekommen, insbesondere nachdem die Tafel im Moment geschlossen ist und auch andere Unterstützungsmöglichkeiten nicht erreichbar sind.

Das Foodsharing ist hier nichts Neues, sondern läuft seit einigen Jahren: Die Foodsaver von Foodsharing, darunter viele Studierende, holen Lebensmittel, die sonst vernichtet würden, bei Supermärkten und Backshops ab, damit sie verteilt werden können. Und auch andere, die nicht über Foodsharing organisiert sind, bringen schon seit einiger Zeit Lebensmittel, die das Angebot aufbessern.

Am Beginn der Corona-Krise und mit den damit verbundenen Auflagen stellte sich aber die Frage, ob das weitergehen kann. Nicht so wie bisher, das war klar: Offene Auslagen wollten alle wegen Ansteckungsgefahr vermeiden. Deshalb machten auch wir ein paar Tage dicht, und entwickelten ein neues Konzept, mit mit eingeschränkten Zeiten, mehr Teamarbeit, Ausgabe über einen langen Tisch, Handschuhen, Schürzen und Mundschutz, Abstandhalten, Desinfizieren und häufigem Händewaschen samt Happy-Birthday-Singen. So wird die Gefahr minimiert, dass Viren weitergetragen werden könnten.

Es war dann eine mutige Entscheidung des Kirchenvorstands, die Verteilung mit diesem Konzept fortzuführen – die natürlich nur möglich war, weil sich einige Mutige bereiterklärt hatten, die Arbeit zu machen. Mutig heißt dabei nicht, dass Risiken eingegangen werden. Es sind eher jüngere Mitarbeiter, die die Verteilung machen, damit niemand gefährdet wird. Wir riskieren nicht die Gesundheit der Abholenden, denn die Abholung gestaltet sich ähnlich wie ein Einkauf im Supermarkt, vielleicht sogar weniger risikoreich, denn die Abholung geschieht an der frischen Luft und es gibt keine Selbstbedienung. Mutig bedeutet hier, dass man etwas macht, was in Frage gestellt werden könnte. Es erfordert Mut, Verantwortung zu übernehmen. Der Mut, anderen zu begegnen, wo es doch sicherer wäre, zu Hause zu bleiben, spielt für die Beteiligten eine weniger große Rolle, denn die Begegnungen geschehen mit Abstand, und für Jüngere ist das Risiko kalkulierbar.

Wichtig ist den Aktiven die Solidarität mit und unter allen, die von der Krise besonders betroffen sind. Gerade jetzt ist es wichtig, dass Ressourcen genutzt werden, damit alle genug zum Leben haben. Das wird im Verlauf der Krise und danach noch sehr an Bedeutung gewinnen – und dieser Gedanke erfährt viel Unterstützung: Es haben sich weitere Helfer gemeldet, Foodsharing wird wieder Lebensmittel bringen, weitere Geschäfte spenden Lebensmittel. Das macht Mut für die Zukunft!

Übrigens: Auch die Bahnhofsmission verteilt Lebensmittel: „Wir sind im Moment vormittags von Montag bis Freitag am Bahnhof Wilhelmshöhe und geben dort von 9-13:30 Uhr warme Getränke und Brote, Brötchen und Obst aus.“

Online-Predigt „Come together“ und „Social distancing“

Liebe lesende Gemeinde,

vor ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch mit einem Freund – durch das verschlossene Hoftor an der Neuen Brüderkirche hindurch, selbstverständlich auf 1,5 m Abstand. „Social distancing haben wir Deutschen ja drauf“, sagte er, und es kann sein dass er den Unterschied etwas deutlicher spürt wegen seines Migrationshintergrunds. Natürlich haben wir beide gelacht, denn normalerweise sehen wir das weniger als Wert, aber jetzt kommt es uns zugute. In Italien leben die Großfamilien zusammen, die Jungen und die Alten – schön eigentlich, und irgendwie schade, dass das Miteinander der Generationen bei uns nicht so intensiv gelebt wird. Jetzt im Moment ist es vielleicht ein Vorteil – merkwürdig. „Wir sind ja ein bisschen a-sozial – aber das ist gar nicht negativ gemeint! Distanzierung kann ja auch etwas Gutes sein“, sagte mein Freund – und wir mussten das Gespräch unterbrechen, aber mich hat das noch weiter beschäftigt.

Es ist schon merkwürdig, dass wir zum Gottesdienst nicht mehr zusammenkommen können, und auch sonst nicht wirklich. Maximal zwei dürfen sich begegnen, und immer auf Abstand. Es ist keine Frage, dass das im Moment von höchster Bedeutung ist. Nur so kann die Pandemie verlangsamt werden, nur so können wir es schaffen, dass das Gesundheitssystem nicht völlig überlastet wird, nur so können wir Menschenleben retten.

Aber ungewohnt ist es schon. Sonst tun wir alles für „Come together“ – jetzt tun wir alles für „Social distancing“. Ich habe mal ein Lied geschrieben namens „Wir kommen zusammen“, in dem sich für mich ganz gut ausdrückt, was Gottesdienst ausmacht.

Wir kommen zusammen – mehr Infos zum Lied hierhttp://zukunftsmusik-kirchenlieder.de/wir-kommen-zusammen

Aber diese Gemeinschaft, dieses Im-Kreis-Stehen ist im Moment nicht möglich.

Wie ist das mit Nähe und Distanz? Ist Nähe immer das Gute, und Distanz immer problematisch?

Wie ist das eigentlich in unserer Tradition mit Nähe und Distanz, mit Gemeinschaftsbildung und Vereinzelung? Zum Wert von Gemeinschaft gibt es natürlich viele Stellen in der Bibel und viele Beispiele aus der Kirchengeschichte. Aber zu Distanz und Vereinzelung? Doch, da gibt es auch einiges!

Im Alten Testament schon gibt es Gesetze, nach denen sich Menschen in bestimmten Situationen aus der Gemeinschaft zurückziehen sollen. Da mischen sich Hygienemaßnahme und Religion, das ist nicht alles so rational, und vieles lehnen wir heute ab. Aber die Grundidee war schon da!

Und auch die Unterbrechung der Arbeit, die jetzt an vielen Stellen nötig wird, hat da große Tradition: Am Sabbat bleiben alle zu Hause!

Im Neuen Testament scheint manches davon relativiert zu werden: Jesus will keine Gebote abschaffen, aber er setzt die Liebe über alles. Und manche soziale Distanzierung überwindet er, er setzt sich mit Ausgegrenzten und Gesetzesübertretern an einen Tisch und zieht damit den Ärger derjenigen auf sich, die sich an Gesetze halten wollen und darin die einzige Möglichkeit sehen, dass alles gut wird. Und er kommt sogar Aussätzigen nahe, die sonst von allen ferngehalten werden.

Aber auch Jesus braucht manchmal Distanz: Er zieht sich in die Wüste zum Beten zurück – lange Zeiten, 40 Tage! Sogar im Garten Gethsemane will er alleine Beten.

Daran schließen Mönche an: Neben den Mönchsgemeinschaften gibt es auch die Eremiten – eine ganze Bewegung war das. Mönche, die sich in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen haben, um ganz mit Gott allein zu sein. 

Im Mittelalter hat Meister Eckardt viel über die „Abgeschiedenheit“ gesprochen: Nur ganz getrennt von der Welt könne man Gott begegnen, sagte der große Mystiker. Die Welt lenke zu viel ab. Nachvollziehbar, muss ich sagen.

Natürlich ist das alles ein freiwilliger Rückzug von der Welt. Und so ganz vollständig kann er auch nicht gewesen sein, denn ganz ohne Gemeinschaft kann niemand leben. Oft kamen Menschen zu den Eremiten in ihre Einsamkeit, um mit ihnen zu sprechen – und die versorgten sie wenn nötig auch mit Lebensmitteln.

Wozu nun das alles? Wohin führt diese Reise in die Vergangenheit?

Wir könnten mal versuchen, diese soziale Distanzierung, die jetzt für eine Zeit nötig geworden ist, nicht als Verlust zu empfinden sondern als Gewinn im Sinne von Meister Eckardt. Mehr Zeit mit Gott! Das ist natürlich nicht ganz so einfach und selbstverständlich. Nur weil man alleine ist hat man nicht automatisch mehr Gemeinschaft mit Gott. Man kann auch in beunruhigenden Nachrichten ertrinken. Hier geht es aber darum, ganz bewusst auszuwählen. Zeiten zu begrenzen. Fake-News auszusortieren. Und bei dem zu bleiben, was uns Kraft gibt. Und das kommt nicht nur von außen, sondern auch von innen. Viele machen die Erfahrung, dass ihnen ein Gebet Kraft geben kann, ein Gespräch mit Gott. Für manche sind es innere Bilder (z.B. der liebende Blick Jesu oder Gottes). Manche brauchen gar keine Worte und keine Bilder, es ist nur die Konzentration auf die Quelle des Lebens.

Gleichzeitig mag es sein, dass die Einsamkeit uns den Wert von Gemeinschaft und Solidarität ganz neu erfahren lässt. Indem wir merken, wer und was uns fehlt. Aber auch, indem wir vielleicht alte Verbindungen reaktivieren oder indem ganz neue entstehen. Indem Hilfenetze entstehen, die vorher gar nicht nötig waren. Dann entsteht vielleicht gerade durch die Distanz eine neue Nähe. Es ist wie so oft paradox. Vielleicht ist das Projekt „Social Distancing“ im Grunde ein großes „Come Together“.

Jesus hat unser Verständnis von Gemeinschaft verändert. Der Predigttext für heute steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel: „12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Und so können wir niemand mehr draußen vor dem Tor alleine lassen. Wir müssen vor das Lager, aus unserer eigenen Gemeinschaft hinausgehen, weil niemand allein bleiben soll. Wir können nicht mehr nur an einige denken, denn Jesus hat sich mit denen vor dem Tor identifiziert.

Die Bemühungen um Krisenbewältigung sind bemerkenswert. Es ist gut, dass viele kleine Betriebe Unterstützung erhalten. Trotzdem muss ich sagen: ich bin noch nicht ganz sicher, was die Bilanz sein wird am Ende dieser Krise. Gehen wir solidarisch durch diese Zeit? „Geld ist genug da“ für die Maßnahmen zur Rettung der Wirtschaft. Aber ist auch genug Geld da für die vielen, die ihre Arbeit trotzdem verlieren? Wir werden jedenfalls nicht nur „Social Distancing“ brauchen, sondern weiterhin auch „Come Together“ in anderer Form. Ob wir auch das „drauf haben“, wird sich zeigen. Wir hoffen darauf und arbeiten daran mit.

Gott segne Sie und Euch! Im Rückzug und in der Kontaktsuche in anderer Form, in Distanz und Nähe, als Einzelne und als Gemeinschaft.

Amen.

Noch nicht aufgenommen – bitte selber singen 😉

Herzlich Willkommen in der Erlöserkirche Fasanenhof und in der Neuen Brüderkirche!